Respekt ist keine Option, sondern eine Haltung
Respekt ist keine Option, sondern eine Haltung
Neugier, Fragen oder Unsicherheit im Umgang mit behinderten Menschen sind menschlich. Respektlosigkeit jedoch nicht.
Vor Kurzem habe ich eine Situation erlebt, die mich nachdenklich und ehrlich gesagt auch wütend gemacht hat.
Ich war bei Hofer einkaufen und habe eine Verkäuferin aktiv um Hilfe gebeten, weil ich meine Einkäufe nicht selbst tragen konnte. Mit meinen Krücken kann ich die Einkaufswagen bei Hofer nicht schieben, da sie für mich zu klein und nicht kippsicher genug sind und mir dadurch die notwendige Stabilität fehlt. Die Verkäuferin hat mir diese Hilfe freundlich und selbstverständlich gegeben.
Im Anschluss daran habe ich eine Story auf Instagram gepostet, in der ich mich öffentlich für diese Unterstützung bedankt habe. Nicht aus Mitleid, sondern aus Wertschätzung. Denn gerade im stressigen Alltag in den Geschäften ist es für mich keine Selbstverständlichkeit, dass sich jemand Zeit nimmt, stehen bleibt und hilft.
Als Reaktion auf diese Story bekam ich jedoch einen Kommentar, der sinngemäß lautete:
„Dann nimm doch eine Beinprothese, dann kannst du genauso wie andere den Einkaufswagen schieben und etwas tragen.“
Solche Aussagen sind nicht nur verletzend , sie überschreiten sogar eine klare Grenze.
Behinderung ist kein Optimierungsproblem
Hinter solchen Kommentaren steckt oft die Vorstellung, Behinderung sei ein „Mangel“, den man doch bitte beheben oder ausgleichen soll, damit andere sich nicht damit auseinandersetzen müssen.
Nach dem Motto: „Mach dich doch einfach wieder funktionstüchtig.“
Das ist respektlos und vor allem ignorant.
Eine Prothese ist kein modisches Accessoire, das man sich „einfach nimmt“.
Sie ist kein Garant für Mobilität, keine Universallösung und schon gar keine Verpflichtung.
Für viele Menschen ist es zudem körperlich oder gesundheitlich gar nicht möglich, eine Prothese oder andere Hilfsmittel zu nutzen und dauerhaft damit zurechtzukommen.
Ob jemand eine Prothese trägt, welche Hilfsmittel genutzt werden, oder ob Hilfe angenommen wird, ist eine höchst persönliche Entscheidung und geht niemanden etwas an.
Hilfe annehmen ist keine Schwäche
Ich habe um Hilfe gebetenen und ich habe sie angenommen.
Nicht, weil ich unfähig bin.
Sondern weil Selbstbestimmung auch bedeutet, zu wissen, wann Unterstützung notwendig ist.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der es völlig normal ist:
• eine Brille zu tragen, statt sich die Augen lasern zu lassen
• einen Rollkoffer zu benutzen, statt alles zu schleppen
• einen Lift zu nehmen, statt die Treppe
• technische Hilfsmittel oder Unterstützung anderer Menschen anzunehmen
Respekt heißt: Nicht bewerten, nicht belehren
Respekt bedeutet nicht, alles zu verstehen.
Respekt bedeutet, die Lebensrealität anderer anzuerkennen, auch wenn sie nicht der eigenen entspricht.
Dazu gehört:
• keine ungefragten Ratschläge
• keine Bewertungen von Hilfsmitteln oder Entscheidungen
• kein Vergleich mit „anderen, die das auch schaffen“
• kein Reduzieren eines Menschen auf seine Behinderung
Und vor allem: Zuhören statt besserwissen.
Ein Perspektivwechsel
Stell dir vor, jemand sagt zu dir:
• „Warum bist du so müde? Schlaf doch einfach besser.“
• „Warum bist du arm? Such dir halt einen besseren Job.“
• „Warum bist du traurig? Denk doch positiver.“
Klingt absurd?
Genau so absurd sind Kommentare, die behinderten Menschen erklären wollen, wie sie „einfacher“ zu leben hätten.
Mein Wunsch
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der es normal ist, um Hilfe zu bitten und genauso normal, Danke zu sagen, wenn man sie bekommt.
Eine Gesellschaft, in der Unterstützung nicht kommentiert, sondern respektiert wird.
Und in der Gesellschaft Unterschiede nicht bewertet, sondern akzeptiert werden.
Bereits vor einiger Zeit habe ich mich in meinem Beitrag
„Neugier gegenüber behinderten Menschen, alles eine Frage des Respekts“
mit Respekt im Umgang mit behinderten Menschen beschäftigt.
Respekt beginnt dort, wo wir aufhören, über andere zu urteilen und anfangen Menschen als das zu sehen, was sie sind: gleichwertig.
Leider zeigt sich auch heute noch, wie notwendig diese Auseinandersetzung ist.